Die längsten 15 Minuten meines Lebens

Rückblick: Anfang Februar. Die Sonne scheint. Meine Stimmung ist gut. Alles ist toll. Ich verbringe die meiste Zeit auf der Insel Koh Rong in einem Beachclub. Und was besonders toll ist?

Zwei kleine Welpen, Bonnie & Clyde, wohnen mit mir dort. Bonnie ist klein und zierlich und Clyde ist ein richtiger frecher, liebenswürdiger und vergleichsweise großer „Babyhund“. Ich weiß, es ist ungerecht, aber Bonnie ist einfach mein Favorit. Die Kleine hat sich allerdings einen Virus eingefangen und ihr gehts echt schlecht. Bonnies Zustand hat sich nicht verbessert, aber wir haben recherchiert und rausgefunden, dass eine Bar Im „Village“, dem Touri- Kern der Insel, Injektionen gegen diesen Virus hat. Einer von der Beachclub- Family schnappt sich also Bonnie und sie bekommt die Injektion. Sie scheint nicht richtig zu wirken oder sie hat sie zu spät bekommen. Wer weiß das schon, fernab der echten Zivilisation.

Die ganze Nacht stehe ich alle 3-4 Stunden auf, um zu sehen wie es ihr geht. Wir haben sie von Clyde separiert, denn der Virus ist ansteckend für Welpen. Bonnie hat echt eine richtige Scheißnacht, übergibt sich oft, isst nicht und trinkt nur, wenn wir ihr Wasser einflössen. Das blöde ist, auf der Insel gibt es keinen Tierarzt.

Wir schlafen also so gut wie gar nicht und ich vergieße ein paar Tränchen, weil es Bonnie so schlecht geht.

Der nächste Morgen: Bonnies Zustand hat sich nicht verbessert, Ich schnappe mir also Bonnie und laufe ins Village, Ziel ist das Festland. Das nächste und schnellste Boot soll uns rüberbringen und dann ab zum Tierarzt. Das Boot ist bereits voll, aber ein paar Touristen setzen sich für mein Anliegen ein und freundlicherweise nehmen mich die Bootsleute trotzdem mit. Ich bekomme halt keinen echten Sitzplatz im Inneren des Buva Speerbootes, sondern sitze draußen, auf einer Art Plastikbank, die eigentlich eher als Tritt zum Einsteigen für die Passagiere dient. Keine Lehne, keine Armstützen, nichts zum festhalten. Ich mach mir aber nur Gedanken um Bonnie. Sie liegt ganz zerbrechlich auf meinem Schoß und rührt sich kaum. Ein paar Touristen sind ganz gerührt von dem kleinen süßen Hundebaby und fragen interessiert nach.

Bonnie und ich sitzen also draußen, exakt in der Spitze des Bootes. Ich habe sie in ein Tuch gewickelt, denn ich will ihr die Fahrt so gemütlich wie möglich machen, denn ihr geht es schon schlecht genug. In der Spitze des Bootes wird man außerdem ein bisschen nass, denn manchmal spritzt das Wasser etwas. Bonnies erste Bootsfahrt und das erste Mal, dass sie die Insel verlässt.

Es ist ein Speedboot, also gibt der Kapitän ordentlich Gas. Den Passieren wird schließlich versprochen, dass das Festland, die kleine Stadt Sihanoukville, innerhalb von 30 Minuten erreicht wird. Die normalen Fähren brauchen mindestens 60 Minuten für die Strecke. Also, ab geht die Fahrt. Schon als wir losfuhren, war das Meer etwas wellig. Das Boot ist nicht besonders groß und hüpft leicht aus dem Wasser und setzt wieder auf dem Meer auf.

Ich habe Mühe Bonnie festzuhalten und gleichzeitig auf meinem Platz zu bleiben. Denn ich kann mich nirgendwo festhalten. Auch die Passagiere im Inneren des Bootes fangen an auf lustige Weise mitzujauchzen. Bei jedem Hüpfer etwas lauter, wie in einer witzigen Achterbahn. Nur, dass es für mich nicht ganz so witzig ist, wie für die Passagiere im Inneren. Die Plastikbank auf der ich sitze ich recht schmal, ich passe grad mit Mühe mit meinem Hintern drauf. Meine Füße haben kaum Platz um halt auf dem Boden zu finden, denn der ganze Boden liegt voll mit Backpacks von Passagieren.

Schließlich werden die Wellen immer größer und das Boot hebt immer mehr vom Wasser ab und knallt hart wieder aufs Meer. Ich realisiere, dass es gerade wirklich schwer ist, Bonnie festzuhalten, ohne das sie von meinem Schoß fliegt und gleichzeitig auf mich selber aufzupassen. Ich habe keine Hand frei, um mich selber abzufedern, denn ich brauche beide Hände, um Bonnie auf meinem Schoß zu halten. Die Situation spitzt sich immer mehr zu und ich merke, dass das Aufprallen immer härter wird und anfängt weh zu tun.

Ich beiße die Zähne zusammen und denke mir: „Nur noch etwa 20 Minuten, dann haben wir geschafft“ und rede gleichzeitig sanft auf Bonnie ein. Und dann passiert es. Wir erwischen eine große Welle, ich fliege von meinem Sitz hoch, Bonnie fest umklammert, damit sie nicht ins Meer oder kreuz und quer über das Boot fliegt. Die Schwerkraft bringt mich mit voller Wucht zurück auf den vermeintlichen Sitz und ich reagiere ein Knirschen, ein leichtes Knacken und direkt darauf folgte ein unglaublicher Schmerz. Ein Stechen. Ich lasse Bonnie los, realisiere am Rande, dass eine liebe Touristin Bonnie aufhebt und auf den Arm nimmt.

Ich weine. Vielleicht hyperventiliere ich auch. Das Boot hält an. Menschen kommen und helfen mir in den Innenraum. Menschen machen platz, damit ich mich auf einen richtigen Sitz setzen kann. Die kambodschanische Bootscrew fragt mich was los ist, ich antworte heulend: „My back, my back.“. Die Bootscrew macht sich auf die Suche nach meinem Backpack. Sie haben verstanden ich suche nach meiner „Bag“. Touristen reichen mir Schmerzmittel, die Crew reibt mir Tigerbali unter die Nase, ich glaube die denken ich wäre seekrank.

Die längsten 15 Minuten meines Lebens beginnen. Ich habe das Gefühl meine Beine sind taub. Ich fühle mich benommen.  Ein wundervolles Touristenpärchen kümmert sich um mich, der Mann schnappt sich Bonnie, hält sie warm und beruhigt sie. Die junge Frau sortiert die Schmerzmittel as, die von alles Passagieren an Board rübergereicht werden. Am Bootssteg angekommen, tragen mich Tourist von Bord. Die Bootscrew entlud das Boot, lässt neue Touristen einsteigen und macht sich wieder auf den Weg zur Insel. (Im Nachhinein übrigens unfassbar für mich, dass sie sich einfach null um mich gesorgt haben und mich einfach dort liegen ließen. Danke an das tolle Team von BuvaSea. Nicht.)

Ich liege am Pier, ich bin komplett durchnässt, die junge Frau und der junge Mann mit Bonnie auf dem Arm kümmern sich um mich. Weitere Touristen kommen und fragen ob sie helfen können. Ich nehme das alles nur schwammig war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einige Schmerzmittel genommen und bin benommen. Das Mädel zieht mir meine durchnässten Klamotten aus und sucht aus ihrem Backpack etwas warmes zum Anziehen und packt mich warm ein. Ich zittere, ich friere, ich checke gar nicht richtig was da passiert.

Sie fragt mich, ob ich alleine reise oder ob sie jemanden anrufen könne, ob sie mit mir ins Krankenhaus fahren solle und ihr Freund mit Bonnie zum Tierarzt gehen solle. Sie ist zuckersüß. Ich kann keine richtigen Antworten geben, ich stehe unter Schock. Ich reiche ihr mein Handy. Alle gespeicherten Nummer sind gelöscht, nur eine Nummer war in der Anrufliste, die Nummer des Bachclubs. Sie leiht sich ein Handy von einem Touristen und wählt die Nummer. Glücklicherweise bin ich zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als 4 Monaten in Kambodscha und habe Freunde auf der Insel und auf dem Festland. Mein Lieblingsmensch im Beachclub bricht direkt auf und nimmt das nächste Boot zum Festland um mir beizustehen. Vorher ruft er Freunde auf dem Festland an, die mich vom Pier aufsammeln sollen.

Einer der Besitzer des Hotels, in dem ich zuvor voluntiert hatte, und der inzwischen zu einem guten Freund geworden ist, kommt zum Pier, ist völlig schockiert mich am Pier liegen zu sehen und hilft mir in ein Tue Tue zu steigen. Nachher erzählt er mir, dass ich in diesem Moment zu ihm sagte, dass es mir gut ginge und ich nur so getan hätte, als habe ich mich verletzt, weil ich mal diese ganzen Medikamente probieren wollte. Ich stand wirklich völlig neben mir.

Sie bringen mich in ein Hotel, legen mich aufs Boot, Bonnie auf das zweite Bett. Sondieren die Lage. Ein weiterer Freund kommt und holt sein Auto. Sie bringen mich in das beste Krankenhaus der Stadt. Dort wollen sie mich röntgen. Die Schmerzmittel wirken super, ich sehe keinerlei Grund für ein Röntgenbild.

Das Röntgenbild sollte 300 Dollar kosten, sehe ich gar nicht ein. In der Zwischenzeit erreichte mein Lieblingsmensch aus dem Beachclub das Krankenhaus. Ich weiß nicht wie, aber er überredete mich dann zum Röntgen. Ich glaube er versprach mir Pizza. Ich machte also das Röntgenbild. Sie stellten bereits nach dem ersten Bild fest, dass meine Wirbelsäule gebrochen ist. Sie sagten mich solle besser niemand schubsen, denn das könnte fatale Folgen haben. Es war klar, dass ich die nächsten Nächte im Krankenhaus verbringen würde. Aber ich konnte nur an die mir versprochene Pizza denken, die ich dann auch bekam 🙂